Das Essen als Gewissensfrage

Vor kurzem hatte ich eine Diskussion mit einem sehr spirituellen Mädchen, die mich dazu brachte, über den Wert des Lebens nachzudenken. Ich erzählte ihr von etwas Faszinierendem, das ich in einem Labor an unserer Universität gesehen hatte: winzig kleine Mikroherzen, in Petrischalen gewachsen, die selbständig schlugen.

Auf ihre erste Frage dazu war ich überhaupt nicht gefasst: „Meinst du, dass sie eine Seele haben?" Nun, das hängt davon ab, wie man „Seele" definiert. Jetzt denken Sie vermutlich: Was hat das denn bloss mit Essen zu tun? Haben Sie Geduld mit mir: Diese Frage brachte mich dazu, darüber nachzudenken, unter welchen Voraussetzungen der Mensch andere Lebensformen wertschätzt. Die Frage, was eine Seele ist, überlasse ich den Philosophen, möchte Sie jedoch dazu anregen, sich ein paar Gedanken zu machen über die Kriterien, die Sie anwenden, um etwas als „lebenswert" oder nicht einzustufen.

Von ein paar Vegetariern und Veganern aus meinem Bekanntenkreis habe ich in etwa folgende Aussagen gehört:

„Ich esse nichts, was eine Mutter hat."
„Ich will nicht, dass Tiere für mich ihr Leben verlieren."

„Ich respektiere das Recht der Tiere auf Leben."

Auf den ersten Blick erscheinen diese Meinungen wohl ziemlich ehrenhaft. Ich komme jedoch nicht umhin, mich zu fragen, wo sie die Grenzen ziehen zwischen dem, was verdient zu leben und dem, was dies nicht verdient. Schliesslich ist gemäss allen biologischen Kriterien für die Definition von Leben ein Maiskolben genauso lebendig wie eine Kuh (und hat auch eine Mutter – wenn auch vielleicht nicht im traditionellen Sinn, den man z. B. auf Säugetiere anwendet).

Führt man diesen Gedankengang konsequent weiter, dann muss man sich auch fragen, warum sich Bakterien ihr ganzes Leben lang in unserem Verdauungstrakt abrackern sollen, nur damit wir unser Essen verdauen können (sei dies nun ein Steak oder eine vegetarische Mahlzeit). Die Antwort auf diese letzte Frage scheint offensichtlich: Die Bakterien profitieren schliesslich auch von ihrem Leben in uns. Es ist eine Symbiose. Ein Gleichgewicht.

Wenn ich Ihnen nun aber sagen würde, dass so die ganze Welt funktioniert? Alle Lebensformen sind in einem delikaten Gleichgewicht zusammengefügt, das man auch ein Ökosystem nennen könnte. Die Kuh auf dem Feld kann das Gras, das sie frisst, nicht ohne die Hilfe aller Mikroorganismen verdauen, die sich in ihrem Pansen abrackern. Diese winzigen Bakterien wiederum sind der Kuh dankbar, dass sie ihnen die idealen Lebensbedingungen bietet, und wenn sie sterben, lassen sie sich gerne von der Kuh verdauen (zumindest nehme ich an, dass sie dies nicht besonders unglücklich macht, da sie ja schon tot sind). Während sich also die Kuh und die Bakterien zufrieden gemeinsam auf dem Feld dem Essen widmen, taucht ein Löwe auf und frisst die Kuh (vielleicht ist es eher ein Büffel, keine Kuh, aber das spielt ja eigentlich keine Rolle). Der Löwe verdaut schliesslich die Kuh und stösst dann die Verdauungsreste aus, die wiederum die Erde fruchtbarer machen. Und sobald die Zeit für den Löwen gekommen ist zu sterben, zersetzt er sich auch auf denselben Feldern, und alles, was einst den Löwen ausmachte - und das wiederum von der Kuh, die der Löwe frass, aufgebaut wurde -–wird den Boden ernähren, damit mehr Gras zum Fressen für die übrigen Kühe wachsen kann. Auch wenn es grausam erscheinen mag, dass der Löwe die Kuh frisst, so ist es doch

a) ein Teil des Lebenskreises (das Konzept kennen Sie sicher aus dem grossartigen Film „Der König der Löwen") und

b) notwendig, um den Kuhbestand unter Kontrolle zu halten, damit die überlebenden Kühe genug Gras zum Fressen haben.

Das Problem mit uns Menschen ist, dass wir uns komplett aus dem Lebenskreis herausgenommen haben. Statt sie der Erde als Dünger zurückzugeben, spülen wir unsere Exkremente die Toilette hinunter und verschmutzen dabei gewaltige Wassermengen, für die wiederum gewaltige Energiemengen aufgewendet werden müssen, um sie wieder zu „säubern". Wir sammeln unsere Küchenabfälle in Plastikbeuteln und geben sie der Müllverbrennung mit, statt sie zu kompostieren und dem Garten zurückzugeben. Gleichzeitig kaufen wir künstliche Dünger für unsere Pflanzen, die aus begrenzten Ressourcen hergestellt werden. Wir sperren unsere Toten in teure Särge und vergraben sie hinter einer Kirche, statt die Rohstoffe unserer sich zersetzenden Körper der Erde zurückzugeben, in der wir unsere Nahrung anpflanzen.

Wir glauben, dass wir so hoch über allen anderen Lebensformen stehen, dass es uns zusteht, über ihr Recht auf Existenz zu urteilen. Wir denken darüber nach, ob ein Schwein mehr Recht auf Leben hat als ein Apfel. Wissen Sie was? Weder das Schwein noch der Apfel hat sich je Gedanken darüber gemacht. Das Schwein frisst den Apfel, wenn es hungrig ist, und der Apfelbaum verwendet das von den sich zersetzenden Knochen des Schweins freigegebene Calcium für ein optimales Wachstum.

Es ist zwar ehrenhaft, wenn man die Nutzung anderer Lebensformen auf ein Minimum reduzieren will. Vielleicht wäre es aber besser, wenn wir uns stärker darauf konzentrieren würden, der Natur so viele gute Dinge wie möglich zurückzugeben, statt darüber nachzudenken, ihr so wenig wie möglich wegzunehmen, und wenn wir Wege finden würden, uns wieder in diesen grossen, sich entfaltenden, weltweiten Organismus einzuführen, der aus allen Lebensformen besteht.

Es genügt nicht – und gleichzeitig ist es zu viel – sich zu entscheiden, kein Fleisch zu essen, sei dies aus Prinzip oder weil man nicht einverstanden ist mit der Art, wie die Tiere gehalten werden: den ganzen Tag in einem Stall mit ungeeignetem Futter und unnötigen Krankheiten. Wenn Sie sich anstelle des Steaks für einen Sojabratling entscheiden, sollten Sie über die endlosen Reihen in Monokultur angebauter Sojapflanzen nachdenken, die unter komplett unnatürlichen Bedingungen wachsen und die Erde ihrer Nährstoffe berauben. Sie sollten bedenken, dass dafür vermutlich Wälder niedergebrannt wurden, um Platz für die Felder zu schaffen, und das Wasser aus den Flüssen der Region entnommen wurde, die dadurch fast vollständig austrocknen, was zum Tod der darin lebenden Fische (sowie Bakterien, Pilze und Algen usw.) führt, falls diese nicht bereits den giftigen Mengen an Chemikalien zum Opfer gefallen sind, die wir für unsere „moderne" Landwirtschaft einsetzen.

Sie sehen also, dass sich für mich die Frage nicht so sehr darum dreht, ob man Fleisch essen soll oder nicht. Ich könnte Sie auch fragen, ob man Pflanzen, Pilze und Bakterien essen soll oder nicht, worauf Sie mich für verrückt erklären würden. Was aber am Ende wirklich zählt, ist, dass wir das essen, was wir essen sollen, und dabei so wenig Schaden anrichten als möglich, und so viel zurückgeben, wie wir können. Hören Sie also auf, Lebensformen danach zu beurteilen, ob sie „lebenswert" sind oder nicht und dies dazu noch auf der Grundlage unserer Kriterien im Vergleich zu uns als - wie wir dies gerne denken - wichtigste Lebensform auf diesem Planeten. Versuchen Sie stattdessen, die Frage dahinter als Ganzes zu verstehen. Versuchen Sie Wege zu finden, wie Sie wieder in den Kreis der Natur zurückfinden können, statt sich darüber zu erheben und ihn mit Ihren Fragen zu beurteilen. Nur das ist wirklich wichtig, wenn man mit gutem Gewissen essen will.

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Nose-to-Tail-Eating
 

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